Sterblichkeit ist kein Softwarefehler
Milliarden fließen in die Abschaffung des Todes. Das ist kein Fortschritt, sondern eine Flucht – und der Mensch wird nicht gerettet, indem man ihn abschafft.
Ein kranker Körper riecht nicht nach Silizium. Er riecht nach Desinfektionsmittel, nach Schweiß, nach der schweren Biologie eines Organismus, der sich nicht mehr im Griff hat. Ich habe das am Krankenhausbett meines krebskranken Onkels gesehen. Vor dieser Hinfälligkeit kann man die Augen verschließen; wegerklären lässt sie sich nicht. Wir sind Fleisch — verletzlich, anfällig, vergänglich.
I. Die Konfrontation mit dem Fleisch
Im Silicon Valley wird dieses Faktum anders verhandelt. Dort gilt Altern nicht als Bedingung der Existenz, sondern als Konstruktionsfehler — als „Akkumulation zellulärer Schäden“, behebbar wie fehlerhafter Code. In dieser Logik verschwimmt die Grenze zwischen Krankheit und Altern: Der Krebs, der den Körper meines Onkels zerfraß, ist nichts anderes als zelluläre Entgleisung — genau jenes Schadensmuster, das die Longevity-Programme als behebbaren Bug behandeln. Krankheit und Altern werden zum selben technischen Problem erklärt. Das ist kein Zerrbild, sondern erklärtes Programm, unterlegt mit enormem Kapital: Altos Labs startete 2022 mit drei Milliarden Dollar, gestützt von Jeff Bezos — der bestfinanzierte Biotech-Start der Geschichte. Retro Biosciences, finanziert vom OpenAI-Chef Sam Altman, sammelte zuletzt Kapital zu einer Bewertung von 1,8 Milliarden Dollar ein, mit dem erklärten Ziel, dem menschlichen Leben zehn gesunde Jahre hinzuzufügen. Ray Kurzweil terminiert das Verschmelzen von Mensch und Maschine auf das Jahr 2045.
Bevor man das verwirft, muss man den stärksten Einwand der Gegenseite gelten lassen: Altern ist die größte Einzelursache menschlichen Leidens; täglich sterben weltweit über hunderttausend Menschen an altersbedingten Ursachen. Wenn sich dieser Prozess medizinisch verlangsamen lässt — wäre es nicht zynisch, es nicht zu versuchen? Das Argument ist ernst zu nehmen. Es ist gut, Leiden zu lindern, Krankheiten zu behandeln, verlorene Funktionen wiederherzustellen — das bestreite ich nicht. Mein Einwand setzt woanders an.
Der Bruch liegt nicht hier. Er liegt dort, wo aus Medizin eine Metaphysik wird — wo Heilung nicht mehr heilen will, sondern erlösen. Wo der Mensch nicht mehr als verletzliches, sterbliches Wesen gilt, sondern als defektes System, das auf sein Update wartet. Der Transhumanismus wird nicht durch seine Werkzeuge fragwürdig, sondern durch das Menschenbild, das er mitliefert.
II. Der Kategorienfehler: Wenn der Geist das Fleisch verlässt
Der transhumanistische Traum vom „Mind Uploading“ — der Übertragung des Bewusstseins auf einen Datenträger — lebt von einem alten philosophischen Irrtum. René Descartes spaltete die Welt im 17. Jahrhundert in eine denkende Substanz und eine ausgedehnte, materielle Welt. Der Körper wurde zur Maschine, gesteuert von einem unkörperlichen Geist. Das Silicon Valley hat diesen Dualismus lediglich digitalisiert: Das Gehirn gilt als Prozessor, der Körper als austauschbare Peripherie, das Selbst als Information, die zufällig auf biologischer Hardware läuft.
Mit dem Geist geschieht dabei dasselbe wie mit dem Körper. So wie der Leib zur Hardware wird, schrumpft die Intelligenz zur Rechenleistung — zu etwas, das sich in Operationen pro Sekunde messen lässt. In dieser Optik gilt: je schneller, desto klüger. Doch Geschwindigkeit ist keine Intelligenz, sondern eine andere Größe. Ein Taschenrechner schlägt jeden Menschen millionenfach im Multiplizieren, und niemand käme auf die Idee, ihn weise zu nennen. Dass Maschinen in eng umrissenen Feldern längst Übermenschliches leisten — Proteinfaltungen vorhersagen, an denen die Biochemie jahrzehntelang scheiterte —, widerlegt diesen Einwand nicht, sondern schärft ihn. Ein System kann in einer Dimension überlegen sein und dennoch nicht wissen, welche Frage zu stellen wäre und warum sie zählt. Es löst die Probleme, die man ihm gibt; es erkennt nicht, welche Probleme zu lösen sind. Wenn das Silicon Valley solche Systeme „intelligenter als den Menschen“ nennt, hat es Intelligenz zuvor auf das verengt, worin Maschinen stark sind: aufs Rechnen. Der Mensch verliert dann einen Wettkampf, dessen Regeln eigens so geschrieben wurden, dass nur die Maschine ihn gewinnen kann.
Dagegen steht ein gut belegter Einwand. Die Phänomenologie des Leibes, wie sie Maurice Merleau-Ponty entwickelt hat, zeigt: Der Mensch hat seinen Körper nicht, er ist sein Körper. Wahrnehmung, Absicht, Orientierung sind keine Rechenleistung, die im Schädel stattfindet — sie sind leiblich. Ich bin kein Pilot in einem Fahrzeug. Das Selbst entsteht im Vollzug: in der Bewegung, im Tasten, im Stoffwechsel, im Zusammenspiel von Hormonen, im Mikrobiom des Darms, in der ständigen, größtenteils unbewussten Rückkopplung zwischen Körper und Umwelt. Die kognitionswissenschaftliche Forschung zur „verkörperten Kognition“ hat diese Einsicht breit untermauert: Denken ist kein körperloser Prozess.
Und dieser Körper ist kein dummes Trägermaterial. Schneide dir in den Finger — und ohne dass du etwas tust, ohne dass du auch nur weißt, wie es geht, gerinnt das Blut, wandern Zellen ein, schließt sich die Wunde. Keine von Menschen gebaute Maschine kann das. Das Immunsystem unterscheidet unzählige Bedrohungen und erinnert sich über Jahrzehnte an sie; Hormone, Nerven und Organe stehen in einer Rückkopplung, die kein Ingenieur entworfen hat und niemand vollständig versteht. Der Körper ist intelligent — nicht weil er rechnet, sondern weil er sich organisiert, heilt und im Gleichgewicht hält. Wer das sieht, dem erscheint die Rede vom „biologischen Altbau“ nicht nur falsch, sondern blind.
Verlockend wäre nun das schlichte Gegenbild: der Körper nicht als Schrott, sondern als perfekte Konstruktion. Doch „perfekt“ ist der falsche Maßstab — ein Ingenieursbegriff, reibungslos und fehlerfrei, den ein Organismus weder erfüllt noch erfüllen muss. Die vielzitierten „Konstruktionsfehler“ — der blinde Fleck im Auge, der gekreuzte Weg von Atem und Nahrung, die Wirbelsäule, die den aufrechten Gang teuer bezahlt — sind keine Pfuscharbeit, sondern Kompromisse: die Signatur eines Anpassungsprozesses, der unter realen Bedingungen arbeitet, nicht am Reißbrett. Doch wer den Körper überhaupt als gelungene oder misslungene Maschine beurteilt, hat die Prämisse der Transhumanisten schon übernommen. Der Körper ist keine Maschine, weder eine gute noch eine schlechte. Er ist ein lebendiger Prozess — und seine Intelligenz und seine Sterblichkeit sind nicht zwei Eigenschaften, sondern eine einzige: Was sich selbst organisiert, wächst und anpasst, ist eben dadurch an Stoffwechsel, Verschleiß und Endlichkeit gebunden. Eine Maschine lässt sich im Prinzip endlos reparieren, weil sie nur aus Teilen besteht. Ein Organismus nicht — weil er lebt.
Es wäre allerdings dogmatisch zu behaupten, Bewusstsein könne unter keinen Umständen ohne Biologie existieren. Das Phänomen des Bewusstseins ist ungelöst; der Philosoph David Chalmers nennt es das „harte Problem“: Niemand kann erklären, warum Informationsverarbeitung überhaupt von subjektivem Erleben begleitet wird. Ob es nicht-biologische Formen von Bewusstsein geben kann, weiß niemand. Aber genau diese Offenheit ist der Punkt. Der Transhumanismus behandelt die Frage nicht als offen — er verkauft eine Antwort. Er behauptet nicht nur, irgendein Bewusstsein sei denkbar, sondern: dein konkretes Ich, deine Erinnerungen, deine Person ließen sich kopieren und fortsetzen. Das ist kein mutiger Blick in die Wissenschaft. Das ist eine Spekulation im Tonfall der Ingenieurskunst.
Und selbst wenn die Technik eines Tages gelänge, bliebe ein Einwand, der sich an einem Gedankenexperiment des Philosophen Derek Parfit (1984) schärfen lässt. Man stelle sich ein Gerät vor, das einen Menschen scannt, das Original zerstört und anderswo eine atomgenaue Kopie erzeugt. Die Kopie erinnert sich an alles, hält sich für dieselbe Person. Aber bliebe das Original am Leben, stünden sich zwei Menschen gegenüber, nicht einer. Ähnlichkeit ist keine Identität. Eine perfekte digitale Kopie meiner Person wäre ein beeindruckendes Archiv — ein interaktives Denkmal, eine Täuschung für die Hinterbliebenen. Sie wäre nicht die Fortsetzung meines erlebten Bewusstseins. Wer das verspricht, überwindet den Tod nicht. Er kaschiert ihn. Digitale Unsterblichkeit ist keine Auferstehung, sondern Nachlassverwaltung mit Benutzeroberfläche.
Und selbst diese Kopie wäre kein lebendiger Mensch. Was an uns lebt, lässt sich nicht auslesen und woanders aufspielen — es ist kein Datenzustand, sondern ein Vollzug, der nur im Leib geschieht: Stoffwechsel, Rückkopplung, das ständige Werden. Ein Upload speichert den Zustand, nicht das Leben. Die Kopie rechnete vielleicht wie ich und erinnerte sich wie ich, aber sie lebte nicht: ein Standbild, das sich für einen Film hält.
Diese Skepsis ist nicht nur philosophisch, sondern auch naturwissenschaftlich begründet. Seit über einem Jahrzehnt versucht das internationale Projekt OpenWorm, das Nervensystem des Fadenwurms Caenorhabditis elegans vollständig digital nachzubilden — einen der einfachsten Organismen überhaupt, mit exakt 302 Neuronen, jede Verbindung kartiert. Es ist bis heute nicht gelungen, diesen Wurm so zu emulieren, dass er sich verhält wie sein lebendiges Vorbild. 302 Neuronen. Das menschliche Gehirn hat rund 86 Milliarden. Das beweist nicht, dass ein Upload prinzipiell unmöglich ist — aber wer nicht einmal einen Wurm emulieren kann, sollte den Upload des Menschen nicht als absehbar verkaufen.
Und es gibt einen Verlust, den das technokratische Denken übersieht: die Bedeutung der Form. Die materielle Welt ist für den Menschen kein neutraler Trägerstoff. Unsere Kreativität, unsere Kunst, unser Denken entzünden sich am Widerstand und an der Gestalt der physischen Welt — an der Maserung des Holzes, der Geometrie des Wachsenden, dem Gewicht des Steins. Ein Bewusstsein in der Cloud verlöre nicht nur seine biologische Resonanz, das Klopfen des Herzens bei Angst, das Zusammenspiel von Berührung und Bindung. Es verlöre den schöpferischen Dialog mit der Materie selbst. Es wäre kein befreiter Geist, sondern ein Selbstgespräch in sensorischer Isolation.
III. Die Angst vor dem Unverfügbaren
Warum hält sich eine so fragile Utopie ausgerechnet bei den einflussreichsten Menschen des Planeten? Die Antwort liegt weniger in der Wissenschaft als in einer kulturellen Disposition.
Erich Fromm hat der Biophilie — der Zuneigung zum Lebendigen, Wachsenden, Unberechenbaren — die Nekrophilie gegenübergestellt: die Neigung zum Mechanischen, Toten, restlos Kontrollierbaren. Man muss daraus keine Ferndiagnose einzelner Personen machen, um den kulturellen Sog zu erkennen. Er hat einen Kern: die Unfähigkeit, das Unverfügbare auszuhalten — all das, was sich grundsätzlich nicht herstellen, steuern oder optimieren lässt. Das Lebendige zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es sich der vollständigen Kontrolle entzieht. Es altert, erkrankt, stirbt, lässt sich nicht in Metriken pressen.
Für eine Kultur, die gelernt hat, dass sich jedes Problem mit dem richtigen Algorithmus, genug Rechenleistung und genug Kapital lösen lässt, ist diese Unverfügbarkeit eine Kränkung. Die Flucht ins Verjüngungslabor und in die digitale Unsterblichkeit ist der Versuch, das Lebendige so lange in Daten zu übersetzen, bis es endlich berechenbar ist.
Der Transhumanismus hört an einem Punkt auf zu fragen, was Technik dem Menschen ermöglichen kann, und beginnt zu behaupten, wohin der Mensch sich zu entwickeln habe. An diesem Punkt wird aus einer Forschungsagenda eine Weltanschauung — eine, die das Organische zum Provisorium erklärt und das Mechanische zur Verheißung. Sie ist deshalb nicht automatisch falsch. Aber sie ist unehrlich, wenn sie sich als bloße Wissenschaft ausgibt. Wissenschaft beschreibt, prüft, verwirft. Eine Heilsbotschaft verspricht eine Richtung der Geschichte.
IV. Die soziale Demaskierung
Holt man das transhumanistische Projekt aus der philosophischen Höhe auf den Boden der Gesellschaft, verliert es seine humanitäre Maske vollends.
Lebenszeit ist schon heute ungleich verteilt. Eine vielzitierte Studie des Ökonomen Raj Chetty, 2016 im Journal of the American Medical Association veröffentlicht und auf 1,4 Milliarden Steuerdatensätzen beruhend, zeigt: Zwischen dem reichsten und dem ärmsten Prozent der US-Bevölkerung liegt eine Lücke in der Lebenserwartung von etwa fünfzehn Jahren bei Männern und zehn bei Frauen. Aber — und das ist entscheidend — diese Lücke ist kein biologisches Rätsel, das nach Gen-Scheren und Longevitäts-Pillen verlangt. Sie ist das Ergebnis ungleicher Lebensbedingungen: chronischer Stress, schlechtere Ernährung, härtere Arbeit, weniger Schlaf, weniger Sicherheit. Sie schließt sich nicht durch Technologie, sondern durch Verteilung.
Das ist der eigentliche Befund. Die wirksamsten Mittel für ein langes, gesundes Leben sind längst bekannt und zutiefst unspektakulär: Sicherheit, Ruhe, gute Arbeit, soziale Bindung, das Gefühl, nicht permanent ausgenutzt zu werden. Eine gerechtere Gesellschaft verlängert das Leben vieler Menschen — ganz ohne Silizium. Eine marktförmig organisierte Lebensverlängerung dagegen verteilt Lebenszeit nicht um; sie legt sich auf ein bestehendes Gefälle und macht es steiler. Und der Reiche, der sich mit Transfusionen, Gentherapien und Pillen versorgt, wird dadurch nicht zu einem höheren Menschen. Er wird zu einem hyper-medizinisierten Exponat. Seine Existenz wird nicht tiefer, sondern steriler.
Hinter dem Drang nach technischer Unsterblichkeit steht zudem das Symptom einer erschöpften Kultur. Wohlstand allein macht nicht glücklich: Die USA, eines der reichsten Länder der Erde, sind im World Happiness Report 2025 auf den 24. Platz gefallen — den niedrigsten Wert seit Beginn der Erhebung. Soziologen sprechen von „deaths of despair“, von wachsender Vereinsamung, von einer Zunahme psychischer Erkrankungen mitten im materiellen Überfluss. Der Mensch funktioniert in einem hyperkompetitiven System aus Konsumdruck und permanenter Konkurrenz nicht mehr richtig — und statt die krankmachenden Strukturen zu reparieren, bietet das Silicon Valley die Flucht in die künstliche Ewigkeit an.
Hier liegt ein tieferer Trugschluss. Die transhumanistische Flucht setzt voraus, dass das Leben selbst — verkörpert, endlich, sterblich — so mangelhaft sei, dass der Ausstieg die vernünftige Antwort wäre. Doch hier werden zwei Dinge verwechselt, die nichts miteinander zu tun haben. Das eine ist die Endlichkeit: dass wir altern und sterben. Sie ist kein Leiden, sondern die Bedingung des Lebendigen — ob sie als Bedrohung erscheint oder nicht, hängt vom Verhältnis zu ihr ab, nicht von ihr selbst. Das andere ist das wirkliche Unbehagen der Gegenwart: die Erschöpfung, die Vereinsamung, das Gefühl, verbraucht zu werden. Das ist real — aber es ist nicht die metaphysische Signatur des Menschseins, sondern das Ergebnis historisch gemachter Macht- und Wirtschaftsverhältnisse. Der Transhumanismus liest die Endlichkeit als Leid und nimmt das gemachte Unbehagen zum Beweis, dass das endliche Leben selbst defekt sei. Damit begeht er einen zweiten Kategorienfehler: Nachdem er den Menschen mit einer Maschine verwechselt hat, verwechselt er nun ein politisches Problem mit einem existenziellen. Das ist folgenreich — denn ein krankes System lässt sich ändern, eine angeblich kranke Existenz nicht. Wer erkennt, dass das Unbehagen gemacht wurde, kann es auch ungemacht denken. Eine bewohnbare Welt ist keine naive Hoffnung, sondern eine politische Möglichkeit — und gerade sie verstellt der Fluchtgedanke.
Diese Flucht entlastet. Wer glaubt, bald auf einem Server fortzuleben, muss sich um den Verfall des Sozialstaats, die Einsamkeit in den Pflegeheimen, die Würde des Sterbens weniger kümmern. Die Obszönität des Transhumanismus liegt darin, dass er das Falsche zuerst will: die Verlängerung des Lebens einiger weniger, bevor die Lebensbedingungen der vielen gesichert sind.
V. Der Gegenentwurf: Sorge und Endlichkeit
Der Gegenentwurf denkt nicht kleiner von der Technik, sondern größer vom Menschen. Fortschritt bemisst sich dann nicht daran, wie weit wir uns von unserer biologischen Natur entfernen, sondern wie tief wir ihr gerecht werden. Drei Richtungen, konkret.
Erstens: die Aufwertung der Sorge. Ein System, das Milliarden für die Abschaffung des Todes mobilisiert, aber Pflegekräfte am Mindestlohn hält, ist moralisch in Schieflage. Die Antwort auf Verletzlichkeit ist nicht ihre Abschaffung, sondern Zuwendung — Pflege, Erziehung, Palliativmedizin gehören ins Zentrum der Gesellschaft, nicht an ihren Rand. Eine Zivilisation zeigt ihren Rang nicht daran, wie alt ihre Milliardäre werden, sondern daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht.
Zweitens: die Anerkennung der Endlichkeit. Der Philosoph Bernard Williams hat 1973 in seinem Essay über den „Fall Makropulos“ gezeigt, warum ein unendliches Leben nicht erstrebenswert, sondern unerträglich wäre: Was unsere Wünsche, Bindungen und Entscheidungen mit Bedeutung auflädt, ist ihre Verknüpfung mit einem endlichen Leben. Unendlichkeit ist Stillstand. Erst weil Zeit begrenzt ist, hat sie Gewicht; erst weil wir verschwinden, ist es nicht gleichgültig, wie wir leben. Eine Palliativmedizin, die Schmerz lindert und ein würdiges Sterben in Gemeinschaft ermöglicht, ist humaner als die Verlängerung des bloßen biologischen Funktionierens um jeden Preis.
Drittens: der Schutz der analogen Lebenswelt. Der Philosoph Yuk Hui erinnert mit dem Begriff der „Kosmotechnik“ daran, dass Technik immer in eine Ordnung eingebettet ist — in Beziehung zu Körper, Ort, Gemeinschaft und Natur. Eine humane technologische Kultur baut Städte, Schulen und Räume, in denen der Körper Heimat findet, statt den Menschen in die sensorische Verarmung der Bildschirme zu treiben. Sie fragt nicht nur, was machbar ist, sondern in welche Ordnung das Machbare gehört.
Der Mensch ist kein defektes Gerät. Der Körper ist kein Gefängnis. Bewusstsein ist keine Datei. Sterblichkeit ist kein Softwarefehler — sie ist das Gesetz des Lebendigen.
Eine Maschine ist ein fertiges Produkt. Ein Mensch ist es nie. Wir sind das Ergebnis von fast vier Milliarden Jahren ununterbrochenen Werdens — und auch das einzelne Leben bleibt ein Werden, bis zuletzt. Ein Neugeborenes ist keine leere Festplatte: Es trägt ein tiefes biologisches Erbe in sich, die Anlage zur Sprache, zum aufrechten Gang, zur Zuwendung. Aber es ist ebenso wenig ein fertiges Programm. Es entfaltet sich erst — lernt, wächst, wird, im Kontakt mit der Welt, mit Sprache, mit anderen Menschen. Und dieses Werden endet nicht mit der Kindheit. Das Gehirn bleibt ein Leben lang formbar; der Mensch lernt, verlernt und verwandelt sich bis ins Alter. Es gibt kein Wesen, das wir kennen, das sich selbst so weitreichend umbauen kann.
Diese Unfertigkeit ist kein Defekt, den man wegoptimieren müsste. Sie ist die Bedingung von Wachstum, von Kreativität, von Freiheit. Ein Lebewesen fertigzustellen hieße, es anzuhalten: Wer den Menschen vollendet, überwindet ihn nicht — er friert ihn ein.
Der transhumanistische Traum vom ewigen Leben ist deshalb kein mutiger Blick nach vorn. Er ist die Weigerung, dieses eine, unfertige, endliche Leben so zu gestalten, dass es nicht permanent nach Flucht verlangt. Die eigentliche Aufgabe ist nicht, den Menschen abzuschaffen. Sie ist, eine Welt zu bauen, in der das Unfertige nicht als Mangel erlitten werden muss, sondern als das gelebt werden kann, was es in Wahrheit ist: unsere Freiheit, noch nicht fertig zu sein.
Quellen und Anmerkungen
- Altos Labs — 2022 mit 3 Mrd. USD Startfinanzierung gegründet (u. a. Jeff Bezos, Yuri Milner, ARCH Venture Partners); wissenschaftlicher Berater ist der Nobelpreisträger Shinya Yamanaka.
- Retro Biosciences — gegründet mit Seed-Kapital von Sam Altman; Series-A-Runde mit zuletzt aufgenommenem Kapital zu einer Bewertung von ca. 1,8 Mrd. USD (Stand Mai 2026); erklärtes Ziel: zehn zusätzliche gesunde Lebensjahre.
- Ray Kurzweil — The Singularity Is Near, 2005; prognostizierte „Singularität“ um 2045.
- „Über 100.000 altersbedingte Tote täglich“ — gängige Schätzung aus dem Longevity-Diskurs (u. a. Aubrey de Grey): Von weltweit rund 150.000–170.000 Todesfällen pro Tag wird der überwiegende Teil altersbedingten Ursachen zugerechnet. Die Zahl wird hier als Argument der Gegenseite zitiert.
- Maurice Merleau-Ponty — Phänomenologie der Wahrnehmung, 1945 (Unterscheidung Leib/Körper).
- Verkörperte Kognition — u. a. Varela, Thompson, Rosch, The Embodied Mind, 1991; Lakoff & Johnson, Philosophy in the Flesh, 1999.
- Darm-Hirn-Achse / Mikrobiom — etablierter Forschungsstand zur Wechselwirkung von Mikrobiom, Immun- und Nervensystem.
- Evolutionäre Kompromisse — der menschliche Körper als Resultat von Trade-offs (u. a. Wirbelsäule und aufrechter Gang, blinder Fleck der Netzhaut, gekreuzter Atem- und Schluckweg); Standardthema der Evolutionsbiologie.
- David Chalmers — „Facing Up to the Problem of Consciousness“, 1995 (das „harte Problem des Bewusstseins“).
- Derek Parfit — Reasons and Persons, 1984 (Teletransportation, Problem der personalen Identität).
- OpenWorm — seit ca. 2011 laufendes Open-Science-Projekt zur digitalen Emulation des Nervensystems von C. elegans (302 Neuronen).
- Erich Fromm — Unterscheidung Biophilie/Nekrophilie, in The Heart of Man, 1964, und The Anatomy of Human Destructiveness, 1973.
- Raj Chetty et al. — „The Association Between Income and Life Expectancy in the United States, 2001–2014″, JAMA 2016; 1,4 Mrd. Steuerdatensätze.
- World Happiness Report 2025 — Finnland Platz 1; USA auf Platz 24, niedrigster Wert seit Beginn der Erhebung.
- Bernard Williams — „The Makropulos Case: Reflections on the Tedium of Immortality“, in Problems of the Self, 1973.
- Yuk Hui — The Question Concerning Technology in China: An Essay in Cosmotechnics, 2016.
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