Vor vier Wochen schrieb ich über die leeren Stühle. Seitdem hat sich die Lage zugespitzt.
Kobanê wird seit 44 Tagen belagert. Kein Strom, kaum Wasser, Plünderungen in den umliegenden Dörfern. Gleichzeitig wird ein Ende Januar verkündetes Abkommen zwischen den SDF und Damaskus schrittweise umgesetzt: Ölfelder, Flughafen, Grenzkontrollen gehen an den Zentralstaat. Die SDF werden in drei Brigaden innerhalb der syrischen Armee überführt. Die Selbstverwaltung soll in staatliche Institutionen integriert werden.
Aber wer nur auf dieses Abkommen schaut, versteht die Lage nicht.
Was wir gerade erleben, ist kein syrisches Binnenereignis. Die US-israelische Eskalation gegen Iran verändert die Machtarchitektur der gesamten Region – und damit auch den Handlungsspielraum in Nordostsyrien, wo US-Truppen stationiert sind und iranische Proxys an den Grenzen operieren. Die Türkei versucht, diese Instabilität zu nutzen, um die kurdische Autonomie militärisch zu beseitigen – während gleichzeitig über den Imralı-Prozess ein politischer Dialog mit der kurdischen Bewegung zumindest im Raum steht. Ankara agiert in beide Richtungen, und genau diese Ambivalenz macht die Lage so unberechenbar.
Damaskus wiederum ist ein Akteur, dessen Souveränität auf dem Papier weiter reicht als auf dem Boden: Massaker an Alawiten an der Küste, Gewalt in der drusischen Region Suweida, überlaufende Milizen, freigelassene IS-Kämpfer. Eine Regierung, die ihr eigenes Territorium kaum kontrolliert, hat unter massivem Druck einer Selbstverwaltung Bedingungen aufgezwungen, die vierzehn Jahre funktioniert hat.
Das ist die Ironie dieses Prozesses: Die schwächere Partei am Verhandlungstisch ist die stabilere Struktur auf dem Boden.
Denn das Abkommen ist weder Kapitulation noch Friedensschluss. Es ist der Beginn einer Aushandlung, deren Ausgang offen ist. Die QSD bleiben in Kobanê vorerst für die Sicherheit zuständig. Kontrollpunkte werden geteilt. Die Frauenorganisierung wurde als rote Linie markiert. Das sind Verhandlungsergebnisse unter extremem Druck – und sie zeigen, dass sich die Strukturen Rojavas bisher nicht per Dekret auflösen ließen.
Ob das so bleibt, ist nicht ausgemacht. Aber es gibt Gründe, die dafür sprechen. In zahlreichen Städten Nordostsyriens gehen Menschen auf die Straße – nicht für Sezession, sondern für verfassungsmäßige Anerkennung ihrer Rechte. In der Diaspora mobilisieren 183 Organisationen aus 39 Ländern. In Deutschland demonstrierten über 20.000 Menschen. Das sind keine Triumphe, aber Zeichen dafür, dass die politische Praxis, die in Rojava entstanden ist, lebendig bleibt – in Kommunen, Schulen und Räten, die vierzehn Jahre lang den Alltag von Menschen geprägt haben.
Prozesse sind keine Urteile. Die Stühle werden gerade umgestellt. Wer am Ende wo sitzt, wird sich nicht allein in Damaskus entscheiden – sondern auch daran, ob die Menschen, die Selbstverwaltung nicht als Programm, sondern als Alltag kennen, den Raum behalten, sie weiterzuführen.
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