Geografie und Bezeichnung
Rojava (kurdisch: Rojavayê Kurdistanê — Westkurdistan) bezeichnet die kurdisch geprägten Gebiete im Norden und Osten Syriens. Seit 2012 haben die dort lebenden Bevölkerungen — Kurd:innen, Araberinnen, Syrer:innen, Assyrer:innen und andere — eine eigene Selbstverwaltungsstruktur aufgebaut, die sich offiziell Autonome Administration Nord- und Ostsyriens (AANES) nennt. Die Bezeichnung „Rojava“ ist wie „Nordkurdistan“ ein politischer Akt: Sie verweist auf eine Zugehörigkeit zu Kurdistan, die kein Nationalstaat anerkennt.
Gesellschaftliche Selbstorganisation als Modell
Das politische Projekt Rojava ist in der internationalen Linken und in antiautoritären Bewegungen bekannt geworden, weil es einen konkreten Versuch darstellt, hierarchische Staatsmacht durch gesellschaftliche Selbstverwaltung zu ersetzen. Grundlage ist der Demokratische Konföderalismus — eine Theorie, die maßgeblich von Abdullah Öcalan entwickelt wurde und auf kommunale Selbstverwaltung, Geschlechterbefreiung und ökologische Gesellschaft setzt.
Strukturelle Einordnung
Rojava ist für dieses Journal kein bloß geografisches Datum, sondern ein Denkgegenstand: Was passiert, wenn eine Gesellschaft versucht, die hierarchisch-irrationale Ordnung des Nationalstaats von unten aufzubrechen? Welche Widersprüche entstehen dabei — zwischen Ideal und Kriegsrealität, zwischen Selbstverwaltung und militärischer Notwendigkeit, zwischen internationaler Sichtbarkeit und lokaler Praxis? Das Projekt Rojava ist kein abgeschlossenes Modell, sondern ein laufendes Experiment — dessen Scheitern und Gelingen gleichermaßen über die Grenzen des Möglichen Auskunft geben.
Bezug zu Deutschland
Deutschland ist kein neutraler Beobachter Rojavas — es ist ein aktiver Widerspruchsort. Und das betrifft nicht nur die kurdische Diaspora, sondern die deutsche Gesellschaft insgesamt.
Geopolitische Verstrickung. Die Bundeswehr hat im Rahmen der Anti-IS-Koalition indirekt mit den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) kooperiert — jenen Kräften, die militärisch von Rojava getragen werden und die den IS am Boden besiegt haben. Gleichzeitig liefert Deutschland Waffen an die Türkei, die eben diese Kräfte angreift. Deutsche Leopard-Panzer wurden bei der türkischen Invasion in Afrîn 2018 eingesetzt — gegen dieselben Strukturen, deren Kampf gegen den IS in Berlin als Sicherheitsgewinn verbucht wurde. Wer in Deutschland Steuern zahlt, finanziert beide Seiten dieses Konflikts.
Flucht und ihre Ursachen. Jede türkische Militäroffensive in Nordostsyrien produziert Hunderttausende Binnenvertriebene — Menschen, die vorher in relativer Stabilität unter der Selbstverwaltung lebten. Wenn Rojava destabilisiert wird, entsteht genau das, was europäische Politik zu verhindern vorgibt: neue Fluchtbewegungen Richtung Europa. Rojava ist zudem das Gebiet, in dem zehntausende IS-Kämpfer und ihre Familien in Lagern wie al-Hol interniert sind — bewacht von den QSD, unter katastrophalen Bedingungen und ohne internationale Lösung. Ein Zusammenbruch der Selbstverwaltung wäre ein unmittelbares Sicherheitsrisiko für Europa. Die Frage, ob Rojava stabil bleibt oder fällt, ist damit keine nahöstliche Randnotiz, sondern eine direkte Variable europäischer Migrationspolitik und Sicherheitsarchitektur.
Das PKK-Verbot und seine Reichweite. Die PKK gilt in Deutschland seit 1993 als verbotene Organisation — ein Verbot, das sich faktisch auf die gesamte kurdische Bewegungsinfrastruktur auswirkt: Vereine werden kriminalisiert, Symbole beschlagnahmt, Demonstrationen eingeschränkt. Die ideologische Grundlage Rojavas — der Demokratische Konföderalismus Öcalans — wird damit in Deutschland gleichzeitig militärisch geduldet und politisch verfolgt.
Diaspora und demokratisches Paradox. Für die kurdische Diaspora in Deutschland, eine der größten weltweit, ist Rojava kein abstraktes Projekt, sondern gelebter politischer Bezugspunkt: als Hoffnung, als Mobilisierungsgrund, als ständiger Konflikt mit dem deutschen Staat. Wer in Hannover, Berlin oder Stuttgart für Rojava auf die Straße geht, bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Versammlungsfreiheit und Vereinsverbot, zwischen demokratischer Teilhabe und geheimdienstlicher Beobachtung.
Warum das jeden betrifft. Rojava stellt an Deutschland eine unbequeme Frage: Wie glaubwürdig ist ein demokratischer Staat, der Selbstorganisation in Syrien militärisch nutzt, aber im Inland kriminalisiert? Der Fluchtursachen bekämpfen will, aber den Waffenexport an den Verursacher nicht stoppt? Der IS-Gefangenenlager von einer Struktur bewachen lässt, deren politische Grundlage er verbietet? Rojava ist kein Thema für Kurdolog:innen — es ist ein Stresstest für die Kohärenz deutscher Außen-, Sicherheits- und Migrationspolitik.