Betäubung bezeichnet einen Zustand verminderter Empfänglichkeit. Der Mensch ist noch wach, funktional und reaktionsfähig, aber weniger erreichbar für das, was ihn wirklich berühren, klären oder verwandeln könnte.
Sie entsteht nicht nur durch Schmerzvermeidung, sondern auch durch Überreizung: durch Beschleunigung, Informationsflutung, permanente Ablenkung, Angst, Konsum, Zynismus oder dauernde Selbstoptimierung. Betäubung bedeutet deshalb nicht Abwesenheit von Reizen, sondern oft das Gegenteil: zu viele Reize, zu wenig Nachhall.
Im Zustand der Betäubung wird Welt nicht mehr erfahren, sondern verwaltet, konsumiert oder abgewehrt. Dinge erscheinen noch, aber sie sprechen weniger. Der Körper sendet Signale, aber sie werden übergangen. Gedanken laufen weiter, aber sie führen nicht mehr unbedingt zu Bewusstsein.
Betäubung ist damit ein Gegenbegriff zu Resonanz. Wo Resonanz Berührbarkeit, Antwort und Lebendigkeit meint, bezeichnet Betäubung die Überdeckung dieser Fähigkeit. Der Mensch verliert nicht notwendig seine Tiefe, aber den Zugang zu ihr.